Üben, ohne sofort etwas spüren zu müssen
Peter Baumann spricht diesen Tag vollständig für dich ein — ruhig, in deinem Tempo, zum Mitgehen statt zum Mitlesen. Die Aufnahme öffnet sich, sobald du kostenlos angemeldet bist.
Lege heute die Hände auf, ohne Wärme, Kribbeln oder ein besonderes Zeichen zu verlangen.
Leg heute die Hände auf und verlange nichts. Kein Kribbeln, keine Wärme, kein Zeichen. Das ist schwerer, als es klingt, denn im Hintergrund läuft fast immer eine leise Frage mit: Passiert schon etwas? Erwartung macht die Hand unruhig. Sie fragt ständig, ob schon genug geschehen ist. Und eine Hand, die fragt, ist mit sich selbst beschäftigt statt mit dem, worauf sie liegt.
Stell dir vor, du machst heute nur auf und wartest ab, wer kommt. Wie eine Tür, die offen steht, ohne jemanden hereinzuzwingen. Wenn du merkst, dass du prüfst, ist das kein Fehler — es ist der Moment, in dem du wieder loslassen kannst. Vielleicht spürst du heute weniger als sonst. Vielleicht auch mehr, gerade weil du nichts erzwingst. Beides ist ein gutes Ergebnis für diesen Tag. Und wenn dich jemand fragt, was du dabei spürst, darfst du ruhig sagen: heute nichts Besonderes. Diese Antwort ist ehrlicher als die meisten und nimmt dir den Druck, etwas vorweisen zu müssen. Übe heute nur für dich und lass die Frage nach dem Beweis einfach liegen.
Diese Übung lässt sich vorstellen wie eine Tür, die offen steht, ohne jemanden hereinzuzwingen. Das Bild beweist nichts, es hilft dir nur, langsamer zu werden. Heute muss keine Erscheinung kommen. Wichtiger ist, ob du das Kleine bemerkst, während du auflegst. Lass die Schultern sinken und prüfe, ob die Hände weich bleiben, fest gewordene Hände sind fast immer ein Zeichen dafür, dass die Erwartung mitgreift.
Der Rahmen bleibt einfach. Wähle einen Platz, an dem du einige Minuten nicht reagieren musst, und setze dich so, dass der Körper nicht gegen die Haltung arbeitet. Falte die Hände zu Gassho, nicht um etwas darzustellen, sondern um anzukommen. Die Handflächen berühren sich, die aktive Seite begegnet der empfangenden, und mehr braucht es nicht, damit Ki in Bewegung kommt. Mehr sagt auch der Tag nicht: wie eine Tür, die offen steht, ohne jemanden hereinzuzwingen.
Lege die Hände auf den Brustraum und verzichte bewusst auf jede Suche nach Wärme, Kribbeln oder Bildern. Die Übung besteht darin, nicht zu jagen. Das ist schwerer, als es klingt, denn das Suchen läuft meist unbemerkt mit. Du wirst spüren, dass ein Teil von dir nebenher prüft, ob schon etwas geschieht. Lass diesen Teil in Ruhe, statt ihn abzustellen — er beruhigt sich von selbst, wenn er nichts zu tun bekommt.
Wenn doch etwas auftaucht, ist das kein Widerspruch zur Übung. Nimm es zur Kenntnis und geh ihm nicht hinterher. Der Unterschied ist fein: Etwas bemerken ist erlaubt, etwas verfolgen nicht. Schreib am Ende einen einzigen Satz auf, und zwar über dich, nicht über die Wirkung: War ich heute ruhiger als sonst, während nichts geschah? Diese Frage bringt dich weiter als jede Beobachtung von Wärme.
Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Schülerin wartete bei jeder Sitzung auf Kribbeln. Als sie einmal beschloss, keine Empfindung zu erwarten, bemerkte sie zum ersten Mal, wie ruhig ihr Atem nach wenigen Minuten wurde.
Das Entscheidende an dieser Geschichte ist die Reihenfolge. Sie hat nicht mehr gespürt, weil sie besser wurde, sondern weil sie aufhörte zu suchen. Erwartung ist ein aktiver Zustand; sie besetzt genau die Aufmerksamkeit, die zum Wahrnehmen nötig wäre. Wenn du also heute nichts bemerkst, prüfe zuerst, ob du gerade beobachtest oder ob du fahndest. Der Unterschied lässt sich am Kiefer und an den Schultern ablesen, lange bevor er dir bewusst wird.
Lös die Hände und bleib sitzen, ohne nachzuprüfen, ob doch noch etwas kommt. Genau diese Nachprüfung ist heute die Falle — sie holt die Erwartung zurück, die du während der Übung losgelassen hattest. Wie eine Tür, die offen steht, ohne jemanden hereinzuzwingen: Der Nachklang darf ebenso wenig eingeladen werden wie die Wirkung selbst.
Schreib heute einen einzigen Satz, und zwar über deinen Zustand, nicht über Empfindungen. War ich ruhiger als vorher? Angespannter? Gleich? Wenn du merkst, dass du nach etwas Berichtenswertem suchst, hör auf zu schreiben — das Suchen ist genau das, was du heute üben wolltest zu lassen.
Wenn die Hände sich lösen, hört die Sitzung nicht auf. Reiki arbeitet leise weiter, im Atem, in der Haltung, in der Art, wie du dem Nächsten begegnest. Nimm deshalb eine Frage mit in den Tag: Wo hast du heute aufgehört, ein Ergebnis erzwingen zu wollen? Sie braucht jetzt keine Antwort. Was sich zeigt, wird still sein und freundlich.
Erwartung macht die Hände fest, Vertrauen macht sie weit, und weite Hände sind in Reiki I schon fast die ganze Übung. Nicht das Mehr trägt, sondern das Bleiben. Nimm zum Schluss mit, was heute offen war: wie eine Tür, die offen steht, ohne jemanden hereinzuzwingen. Sie zieht niemanden herein und bleibt trotzdem offen. Mehr wird heute nicht verlangt, und mehr wäre auch nicht besser.
Deine Antwort gehört in dein persönliches Reiki-Tagebuch. Es wächst mit jedem Tag mit und bleibt allein bei dir.
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